Sinnkrise: Bin ich überhaupt noch „reiselustig“?

Keine Lust zu verreisen

Keine Lust zu verreisen… ich? Wie konnte es soweit kommen? Eine persönliche Kolumne über meine Sinnkrise.

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enn mich jemand fragen würde, wie ich so bin, dann würde ich mich vermutlich als herzlich, mit trockenem Humor gesegnet und als reiselustig beschreiben. Aber gerade gestern lachte mich in einer Frauenzeitschrift die Überschrift an „Bin ich so, wie ich denke?“ In dem Artikel ging es darum, dass wir uns selbst oft anders wahrnehmen, als das andere tun.

Der Artikel war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Und ich saß plötzlich da und fragte mich: bin ich überhaupt noch reiselustig?

Es ist nicht so, dass mich der Gedanke ans Verreisen nicht mehr reizt. Ich sehe hier und da Berichte über wunderschöne Orte und meine Sehnsucht ist geweckt. Dann google ich Sehenswürdigkeiten und checke Flugpreise. Aber das tatsächliche Verreisen in der Realität stellt mich seit einiger Zeit vor ungewohnte Probleme.

Ich weiß gar nicht so genau, wann das anfing. Eigentlich ist verreisen ja gar nicht so schwer. Und ich dachte immer das ist voll mein Ding. (Ist es eigentlich auch.) Aber in letzter Zeit denke ich auch oft: Puh…

Keine Lust zu verreisen – aber wieso nur?

Dass ich nicht verreisen kann ist nicht das Problem. Es ist vermutlich eher eine mentale Blockade, bedingt durch verschiedene Faktoren. Ich glaube der wichtigste davon ist, dass mir die Reisepartner ausgehen. Das ist gar kein Vorwurf an die potenziellen Reisepartner. Ich liebe meine Freunde und meine Familie. Aber sie alle sind in einer anderen Lebenssituation. Sie haben Partner oder (bald) Familie. Sie planen ihren Urlaub (völlig nachvollziehbar) entsprechend. Und ich bin nicht der Typ dafür, voll motiviert die Pläne anderer zu durchkreuzen. Vielleicht würde der ein oder andere von ihnen ja sogar mit mir verreisen, aber ich bin manchmal wie eine Schnecke, die man mit einem Holzstab gepiekst hat. Ich ziehe mich lieber zurück in mein sicheres Schneckenhaus und komme eine ganze Weile nicht mehr heraus.

Warum ich aktuell nicht alleine verreisen mag

Ja, das frage ich mich auch manchmal. Auf meiner Weltreise hab ich das schließlich auch geschafft. Aber wenn ich daran denke, alleine in einem Hotel, einem Restaurant und auf einem Spaziergang zu sein, dann steigt in mir leider nicht spontan Vorfreude auf. Sondern ich habe eher keine Lust zu verreisen.

Denn ich will das Erlebte mit jemandem teilen. Ich will nicht alleine durch Altstädte stromern und exotische Speisen probieren. Ich will das mit jemandem zusammen machen. Ja, das ist vielleicht der entscheidende Punkt. Ich habe kein Problem damit, alleine reisen zu gehen. Aber ich will auf der Reise nicht alleine sein. Bei den typischen Backpacker Zielen mache ich mir da auch eher keine Sorgen. Aber was ist mit meinen aktuellen Sehnsuchtszielen Norwegen, Island und Frankreich? Ich denke es ist eher unwahrscheinlich, dass ich in Island auf eine Horde Backpacker treffe, die ebenfalls alle alleine unterwegs sind und wir uns deshalb als Kurzzeit-Clique zusammenraufen…

Ein weiterer Aspekt: Ich verfüge mittlerweile glücklicherweise über die finanziellen Mittel, um mir mehr als ein Bett im 12er-Schlafsaal leisten zu können. Bei dem Gedanken an eben jenen graust es mich auch ein bisschen. Ich bin vielleicht einfach aus dem Alter raus. Ist das ein Dilemma? Oder hab ich nur einen Knoten im Kopf? Fest steht, ich bin nicht fürs alleine sein geschaffen, auch wenn ich manchmal alleine sein muss.

Es klingt lächerlich – und vielleicht auch etwas verschwurbelt und schizophren. Trotzdem. Bei dem Gedanken an eine Reise, die ich alleine unternehme, überkommt mich diese Unlust. Plötzlich erscheint es mir so aufwändig und anstrengend, ein Reiseziel zu finden, Hotel und Flug zu buchen und vor Ort eine gute Zeit zu haben.

So ertappe ich mich bei dem Gedanken: wenn es so anstrengend ist, dann lasse ich es einfach sein.

So kann es nicht weiter gehen

Natürlich weiß ich, dass es langfristig so nicht weitergehen kann, denn es macht mich nicht glücklich so zu sein. Gleichzeitig fängt diese Lethargie und Unlust an, an mir zu zerren. Sie schmerzt mich, wie das kratzende Rückenschild meines T-Shirts auf frischem Sonnenbrand.

Denn ich will nicht so sein. Ich will mich nicht irgendwann fragen, was ich die ganze Zeit gemacht habe. Ich will nicht irgendwann da sitzen und feststellen, dass meine Ängste und diese Lethargie mich davon abgehalten haben, mein Leben so zu leben, wie ich es gerne getan hätte.

Dieses Selbstbild von mir als „reiselustig“, das hat mir immer gefallen. Und ich will, dass es wieder stimmt. Dass auch andere das über mich sagen. Und am wichtigsten: dass ich wieder das Gefühl habe, meine Freizeit sinnvoll zu nutzen. Wie ich das am Besten anstelle, weiß ich noch nicht. Mir schwirren schon ein paar Ideen im Kopf herum. Die guten davon herauszufiltern und dann auch in die Tat umzusetzen, das wird die große Herausforderung der kommenden Wochen.

Wer weiß, vielleicht plagen dich ganz ähnliche Ängste oder Gedanken. Vielleicht warst du einmal in derselben Situation. Oder vielleicht hast du auch Angst vorm alleine Reisen. In dem Fall wären wir auf unserer persönlichen Reise weg vom Schweinehund und hin zu mehr Entdeckungsdrang ja schon mal zu zweit ♥

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